Mio – Tischtennis

Mio hat eine Radiusaplasie am rechten Unterarm mit einer spaltförmigen Fehlbildung (Dysmelie) an der rechten Hand, sowie eine Radiushypoplasie am linken Arm. Da ihm an der rechten Hand der Daumen fehlt und Mio daher keinen Pinzettengriff anwenden kann, hat er Schwierigkeiten bei „präzisen“ Bewegungen, wie z.B. Schreiben, Greifen, Schleife binden, etc. Die gängigen Dinge macht er daher mit der linken Hand und kommt auch ganz gut zurecht damit. Die fehlenden Fertigkeiten bei der rechten Hand ersetzt er häufig mit Kreativität und Ausdauer.

Beeindruckt von seinem großen Bruder Tom startet Mio mit sechs Jahren seine Tischtennislaufbahn beim Krummesser SV. Unter begeisternder und fachmännischer Anleitung des dortigen Trainers und mit entsprechendem Trainingsfleiß entwickelt sich Mio schnell weiter und macht auf ersten Turnieren in Schleswig-Holstein im Kreis Lauenburg auf sich aufmerksam. Mios Handicap ist dabei kein Nachteil. Im Gegenteil, als Linkshänder und mit seiner starken Vorhand kann er seine Gegner schnell unter Druck setzen und viele Partien für sich gewinnen.

Nach einigen erfolgreichen Turnieren kann sich Mio für eine Talentsichtung bei den Jugend-Landestrainern in Schleswig-Holstein empfehlen. Eine entscheidende Weichenstellung: neben einer Nominierung für den Perspektivkader wird Mio auch von der Landestrainerin für Behinderten-Tischtennis entdeckt und bekommt die Chance, im Behindertensport bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Alveslohe teilzunehmen. Zur Vorbereitung wird Mio für seinen ersten Tischtennis-Lehrgang im deutschen Behindertensport eingeladen, bei dem er mit großer Herzlichkeit in eine bestehende Trainingsgruppe aufgenommen wird. Hier trainieren mehrere Kinder und Jugendliche aus Schleswig-Holstein mit verschiedenen Handicaps aber mit Eifer und Ehrgeiz.

Alveslohe wird ein Höhepunkt in Mios bisheriger Tischtennislaufbahn. Aus ganz Deutschland kommen die besten jugendlichen Athleten, um in verschiedenen Behinderungsklassen die deutschen Jugendmeister zu ermitteln. Es ist beeindruckend mit welcher Begeisterung trotz unterschiedlichster Behinderungen Tischtennis gespielt wird. Jugendliche in Rollstühlen, mit Prothesen, Dysmelien, Kleinwuchs oder mit koordinativen Behinderungen sind angetreten. Aber man merkt schnell, hier wird Leistungssport betrieben. Am Ende erreicht Mio sensationell den 4. Platz.

Der erste Schritt im Tischtennis mit Handicap ist getan, aber es geht weiter: Mio erhält eine Einladung zur Sichtung bei einem C-Kader-Lehrgang im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf. Hier trainiert und spielt Borussia Düsseldorf, der „FC Bayern München“ des deutschen Tischtennis. Aber auch Teilnehmer aus ganz Deutschland in der integrierten TT-Schule und sogar Nationalspieler können hier angetroffen werden. Mit viel Ehrfurcht reist Mio an und verbringt hier sehr interessante Tage. Am Ende  des Lehrgangs zeigt sich, was im Behindertensport, auch auf nationaler Ebene, wichtig ist: es kommt neben der Leistung vor allem auch auf eine gute Gemeinschaft an. Die Jugendlichen, die sich z.T. seit Jahren kennen, freuen sich auf das Wiedersehen, es wird gescherzt und gelacht. Und es wird mit Respekt trainiert – die Behinderung steht gar nicht im Vordergrund.

Ursprünglich hatte Mio den Behindertensport gar nicht im Blick, doch jetzt ist er froh, dass er diese tolle Möglichkeit bekommen hat. Das junge Ausnahmetalent hat herzliche und sehr engagierte Menschen kennengelernt und durfte feststellen, dass im Sport mit Willen und Training höchste Leistungen „trotz“ Handicap möglich sind.

Im Juni 2017 hat Mio beim Talent Cup des Deutschen Tischtennis-Bundes in Düsseldorf gespielt (Nicht-Behinderten-Sport) und dort von den 24 besten Jungs in Deutschland Jahrgang 2007 den 11. Platz erkämpft. Wenn man bedenkt, dass er augenscheinlich das einzige Kind mit einer Behinderung war, ist das umso bemerkenswerter.

Mios größter Traum wäre eine Reise nach China und dort ein Match gegen den aktuellen Weltmeister aus China Ma Long oder gegen das erst 13-jährige Ausnahmetalent Tomokazu Harimoto aus Japan. Sein sportliches Ziel ist es, unter die 10 besten Tischtennisspieler in der Welt zu kommen. Außerdem möchte Mio gerne mal an den Paralympics teilnehmen. 2024 könnte es vielleicht schon so weit sein.

Doch Mio lässt sich auch noch für andere Sportarten begeistern. Seitdem er seine Lenkhilfe hat, kann er sich sehr gut selbständig und sicher mit dem Fahrrad bewegen, was ihm großen Spaß macht. Innerhalb seines Heimatortes fährt er völlig unabhängig von fremder Hilfe mit dem Fahrrad und nutzt das z.B. auch, um gemeinsam mit seinen Brüdern zum wöchentlichen Tischtennis-Training zu gelangen. Auch eine Fahrrad-Tour am Wochenende mit der Familie ist kein Problem, wobei längere Strecken für seine Hand dann doch etwas anstrengend sind.

Den Fahrrad-Führerschein hat Mio in seiner Grundschule absolviert und seine Prüfung souverän und mit hoher Konzentration bestanden. Am Ende war er sehr stolz, dass er die Prüfung genauso gut gemacht hatte wie andere Kinder ohne Handbehinderung. Seine Eltern hatten zuerst die Befürchtung, dass er eventuell Probleme beim „Handzeichen geben“ haben könnte. Aber das hatte sich überhaupt nicht bestätigt. Er hat das ganz toll gemacht.