• Alpenüberquerung mit Prothese

Christoph – Alpenüberquerung mit Prothese / Jede Herausforderung birgt neue Erfahrungen…

Mein Name ist Christoph K., ich bin 40 Jahre alt und wohne im Mittelrheintal nahe Koblenz. Im Anschluss an meine Schulzeit habe ich eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert. Während meiner Freizeit war ich immer sehr sportlich, bin viel Rennrad gefahren und Halbmarathon gelaufen. Ich bin gerne in Gesellschaft und reise gerne. Schon in meinen Kinderjahren hat sich durch zahlreiche Urlaube in den Bergen eine besondere Affinität zu den Bergen entwickelt.

Aufgrund eines Knochentumors musste ich 1997 oberschenkelamputiert werden. Seit der Oberschenkelamputation bewältige ich mein Leben unter „besonderen Umständen“. Dabei versuche ich immer wieder meine Grenzen auszuloten und mich neuen Herausforderungen zu stellen. Um meine Existenz auf lange Sicht zu sichern, habe ich im Abendgymnasium das Abitur absolviert und im Januar diesen Jahres mein Studium für das Lehramt an Förderschulen abgeschlossen.

Vor dem Hintergrund meiner Erkrankung mit der einhergehenden Amputation und meiner Vorliebe für die Berge, hat sich für mich der Lebenstraum entwickelt zu Fuß die Alpen zu überqueren. Vor dem Beginn des Referendariates möchte ich mir diesen erfüllen und mich ab Anfang Mai für 2 Monate auf den Weg machen, um von Füssen über die Via Claudia Augusta durch die Alpen nach Venedig zu wandern. Einhergehend mit der Verwirklichung meines Lebenstraumes möchte ich die Anstrengung durch die Doppelbelastung aufgrund des Studiums und meiner Tätigkeit als Krankenpfleger, durch die ich mich bis heute finanziere, abschütteln, Ruhe finden sowie neue Kraft und Motivation für das Referendariat sammeln.

Die Via Claudia Augusta ist eine ehemalige Römerstraße durch die Alpen, die die Adria mit der Donau verbindet. Heute ist sie mit dem Fahrrad oder per pedes zu bereisen, auf einer Strecke von rund 600 Kilometern touristisch gut erschlossen und somit auch gut für Menschen mit Handicap geeignet. Ausgehend von Roßhaupten am Forggensee (nahe Füssen) werde ich die Etappenwanderung beginnen, mit dem Ziel bis nach Venedig zu laufen. Starten möchte ich mein Vorhaben in der Woche nach dem ersten Mai. Je nach Tagesform werde ich die Etappenlänge individuell einteilen. Aufgrund meiner Erfahrungen scheint es realistisch, täglich eine Strecke von 10-15 Kilometern zurückzulegen. Als Übernachtungsmöglichkeiten werde ich überwiegend Privatunterkünfte entlang der Strecke nutzen. Nach meiner Ankunft in Venedig und einer kurzen Verschnaufpause plane ich Ende Juni, spätestens in der ersten Juliwoche nach Koblenz zurückzukehren.

„Alpenüberquerung mit Prothese“ – nun ist er verwirklicht, mein Lebenstraum.
Bezugnehmend auf das Exposé zu meinem Vorhaben möchte ich nun die Erfahrungen während meiner Wanderung schildern. Anfang Mai habe ich nach einer kurzen aber intensiven Planungsphase meinen lang ersehnten Wunsch, die Alpen zu überqueren, in die Tat umgesetzt.

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Bepackt mit einem zehn Kilo schweren Rucksack bin ich in Roßhaupten auf der Via Claudia Augusta gestartet und entlang dem Ufer des Forggensees an Füssen vorbei durch das Lechtal über gut befestigte Wanderwege in Richtung Österreich gelaufen. Bei frühsommerlichen Temperaturen habe ich die Landesgrenze zwischen Deutschland und Österreich überschritten und meinen Weg über Reutte in Tirol entlang dem Lech, an der Zugspitze vorbei, über den Fernpass bis in das Inntal fortgesetzt. All diejenigen, denen der Anspruch der bisherigen Strecke nicht genügt, haben die Möglichkeit bei Reutte über die längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt mit 403 Metern Länge in 114 Metern Höhe zu laufen. Obwohl ich schwindelfrei bin und keine Höhenangst habe, habe ich selbst davon abgesehen, denn ich bevorzuge es, festen Boden unter meinem Fuß und meiner Prothese zu haben. Nach den sanften Wiesen im Gurgltal wurde ab Landeck bis in das Tiroler Oberland die Landschaft deutlich alpiner und die Beschaffenheit der Wege sowie deren Höhenprofile steigerten sich allmählich und stetig. Nach dem Genuss typischer Alpenwiesen mit ihrer großen Blumenvielfalt auf der Fliesser Platte empfiehlt es sich, an der alten Zollstation Hochfinstermünz zu rasten, Kraft zu tanken und die Station zu besichtigen, bevor es steil bergauf über den Reschenpass bis nach Nauders geht.

Auch das Wetter hat sich entsprechend der alpinen Landschaft verändert. Obwohl es bereits auf Ende Mai zuging, wurde ich von einigen Zentimetern Neuschnee in Nauders überrascht. Aufgrund der Wetterlage habe ich dort, kurz vor dem Überschreiten der Landesgrenze zwischen Österreich und Italien, einen Kurzaufenthalt eingelegt, nette Bekanntschaft mit meiner Herbergsfamilie gemacht und dann meine Reise Richtung Süden fortgesetzt.

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So schnell wie der Schnee kam, so schnell schmolz er auch wieder. Bei strahlender Sonne aber frischen Temperaturen nahm ich die Wanderung wieder auf. Vorbei am Reschensee mit dem berühmten versunkenen Kirchturm von Alt-Graun ging es über die Malser Heide in den Vinschgau mit seinen scheinbar unendlichen Obstplantagen. Über wunderschöne Waalwege wanderte ich an Meran und Bozen vorbei bis zum Kalterer See. Waale sind Bewässerungskanäle an den Berghängen Südtirols, die zum Bewässern der Obstplantagen und Weinberge genutzt werden. Kurz vor Naturns, Höhe Staben, legte ich erneut eine längere Pause ein, um das Museum von Reinhold Messner auf Schloss Juval am Fuße des Schnalstals zu besichtigen. Mein heimlicher aber nicht ganz ernstgemeinter Wunsch, mich als „Wandersmann“ mit dem berühmten Bergsteiger persönlich auszutauschen blieb unerfüllt, wurde aber sogleich durch die vielen Eindrücke auf seinem liebevoll gestalteten Schloss mit den zahlreichen Exponaten von seinen Exkursionen ausgeglichen.

Auf den folgenden Etappen durch das Etschtal, die mal mehr, mal weniger attraktiv waren, hat sich bis nach Trient das Wetter innerhalb kürzester Zeit vom Winter in den Hochsommer gewandelt und hielt sich so. Besonders bemerkenswert war in diesem Abschnitt die Grenze zwischen der autonomen Provinz Südtirol und dem Trentino. Obwohl man bereits zwischen Nauders und Reschen die Grenze zwischen Österreich und Italien überschreitet, also schon seit einigen Kilometern in Italien ist, zieht sich erst hier -wie mit dem Lineal gezogen- in Höhe der Etschbrücke von Salurn die deutschitalienische Sprachgrenze. Allerdings auch bezüglich vieler anderer Dinge zieht sich hier deutlich eine Grenze. „Tutto kaputto“ beschreibt es wohl am ehesten: Seien es der Ausbau der Wege, die Beschilderungen, die Aktualität von Fahrplänen, die Funktion der Fahrkartenautomaten oder die Sauberkeit. Erholsam und alltagspraktisch ist „bella Italia“ wohl nur auf den ersten Blick. Bei meinem Vorhaben ergaben sich mehrere Situationen, die in Anbetracht der Hitze weniger erholsam und angenehm waren. Erstklassiges italienisches Essen hat dies jedoch schnell wieder vergessen lassen. Die schwülwarmen Hochsommertemperaturen haben mich dazu bewogen, entlang der Etsch weiterzulaufen und erst Höhe Rovereto das Tal zu verlassen, um von dort meinen Weg entlang dem Gardasee weiterzuführen, statt mich erneuten Herausforderungen durch die Dolomiten in Richtung Adria zu stellen. Von Nord nach Süd entlang dem See habe ich auch diesen Abschnitt meines Weges mit all seinen wunderschönen, teils touristischen, teils verschlafenen Orten genossen. Bedingt durch den Wind und die nahezu ebenen Wege am See, war das tägliche Pensum auch hier sehr gut zu laufen.

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Vom Südende des Gardasees aus ging es weiter durch die Weinanbaugebiete des Bardolino und des Soave bis nach Verona. Auch dieser wieder etwas ursprünglichere Abschnitt, eine leicht hügelige Landschaft, frei vom Tourismus, hatte seinen Reiz. Der Verlauf zwischen dem Südende des Gardasees und Verona allerdings barg größere Unannehmlichkeiten. Hier hat sich leider der Ausbau der Wanderwege, je weiter südlicher ich gelaufen bin, drastisch verschlechtert bzw. ins Nichts aufgelöst. Weite Teile der angegebenen Wanderwege haben sich hier als mehr oder weniger stark befahrene Landstraßen entpuppt. Bekanntlich fahren die Italiener sehr „sportlich“ Auto, was ich gleich zweimal hintereinander hautnah erfahren durfte. Um meine Haut zu retten, musste ich mich mehr oder weniger am Straßenrand in den Graben abrollen. Da ich keine berufliche Karriere als Stuntman anstrebe, habe ich mich zugunsten meiner Gesundheit dazu entschieden, Verona als Ziel meiner Wanderung festzulegen zumal ich zu diesem Zeitpunkt bereits mein zweites Paar Wanderschuhe am Prothesenfuß durchgelaufen hatte.

Wenn ich auch nicht Venedig erreicht habe, meinen Lebenstraum einer Alpenüberquerung mit Prothese habe ich allemal erfüllt. Ich kann auf eine Strecke von 500 Kilometern durch drei Länder, auf 35 Etappen und 23.720 überwundene Höhenmeter mit vielen unbeschreiblich schönen Eindrücken und Momenten zurückblicken. Das heißt, durchschnittlich bin ich 14,3 Kilometer pro Tag gewandert.

Trotz der mitunter recht anspruchsvollen Wegbeschaffenheit, meinem Gepäck und den teils hohen Temperaturen, hat die Haut meines Stumpfes bis auf zwei Etappen sehr gut durchgehalten. Das A und O für solch ein Projekt ist natürlich ein gut sitzender Schaft. An dieser Stelle schon mal ein großes Lob an meinen langjährigen Orthopädietechniker Tim Baumeister von Pohlig/Heidelberg und seine Kollegen. Hydrocolloidauflagen zum Schutz der Haut sensibler Narbenbereiche sowie intensive Hautpflege am Abend waren zudem unverzichtbar. Im Gegensatz zu meiner eigenen körperlichen Konstitution bereitete der Anspruch der Wanderung eher dem Prothesenknie Probleme. Längeres Bergab-Gehen bei hoher Außentemperatur mit Gepäck auf dem Rücken hat das Gelenk förmlich „in die Knie“ gezwungen. Besonders beim Abstieg an Fern- und Reschenpass setzte gleich mehrmals hintereinander der Überlastungsalarm ein und zwang mich zu einer Pause. Aufgrund der beeindruckenden Landschaft konnte ich aus der Not eine Tugend machen und die Zwangspausen meist in eine Brotzeit mit herrlichem Ausblick umfunktionieren.

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Meine anfänglichen Bedenken, am Abend nach einer anstrengenden Etappe keine Unterkunft zu finden oder Schwierigkeiten zu haben so viele Stunden alleine zu verbringen, haben sich nicht bestätigt. Auf direkte Anfrage bei Häusern mit Gästezimmern hat sich meist eine Möglichkeit zum Übernachten ergeben. Nur in wenigen Ausnahmen musste ich die Touristeninformation nutzen,  um ein Zimmer vermitteln zu lassen. Zumindest bis Südtirol waren diese in jedem Ort zu finden. Heute bezeichne ich es als Reichtum, sich selbst zu genügen und fähig zu sein, längere Zeit alleine zu verbringen. Daher betrachte ich es als Geschenk an mich selbst, dass ich mir die Zeit genommen habe, diese Wanderung durchzuführen und genau die Erfahrung sammeln zu dürfen. Es würde  mich freuen, wenn ich durch die Beschreibung meiner Eindrücke und die beiliegenden Fotos, die ich bei meiner Alpenüberquerung mit Prothese von Roßhaupten bis nach Verona sammeln konnte, Interesse bei dem ein oder anderen Prothesenträger oder auch andern Menschen mit Handicap wecken könnte. Für all diejenigen, die Bedenken haben unbefestigte Wege zu nutzen, bietet gerade diese Route sehr gute Alternativen. Zu fast allen Wanderwegen von Roßhaupten bis zum Gardasee stehen überwiegend asphaltierte Radwege-/Wanderwege in den Talsohlen zur  Verfügung. Gänzlich sind Steigungen natürlich nicht zu umgehen, denn es handelt sich schließlich um eine Alpenüberquerung.

Für Tipps und Ratschläge stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung. Gerne können Sie über die Firma Pohlig Kontakt zu mir aufnehmen. Abschließend bedanke ich mich nochmals insbesondere bei  Firma Pohlig für ihre finanzielle und auch materielle Unterstützung, Mammut Sports Group für die finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung meiner Wanderausrüstung, Wolfgang, meinem  Vater, Tanja, Michi und Edith, die mich auf meiner Strecke zeitweise begleitet haben, Andreas als Wundtherapeuten und Versorger mit Verbandstoffen sowie allen anderen, die mich mit Rat und Tat bei der Umsetzung meines Traumes unterstützt haben.

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