Behandlung von Phantomschmerzen / Akupressoren

Phantomschmerzen!

Fallbeschreibung einer prothetischen Versorgung mit einem PBSS-Oberschenkelschaft mit integrierten Akupressoren zur Phantomschmerzbehandlung.
N.Kommer, H. Engber, K. Pohlig, M. Schäfer

Eine 51-jährige Patientin mit einer Oberschenkelamputation links, die im Mai 2007 erfolgte, litt auch nach einer zwei Jahre später durchgeführten Nachamputation, aufgrund von Exostosen und einem Neurom, an so heftigen Phantomschmerzen, daß ihre Lebensqualität erheblich eingeschränkt war. Da sich ein integrativer Zusatz des Pohlig Bionic Socket Systems (PBSS)-Konzeptes an die traditionelle chinesische Medizin anlehnt (TCM) und die Integration von sogenannten Akupressoren in den Prothesenschaft ermöglicht, kam diese Art der Schmerzbehandlung zur Anwendung.

Phantomschmerzen


Einleitung:

Eine bundesweite Erhebung des Schmerz-und Palliativzentrums Wiesbaden aus dem Jahre 2006 hat ergeben, daß 74,1 % aller Männer und 76,8 % aller Frauen mit Amputationen unter Phantomschmerzen leiden. Phantomschmerzen werden meist als brennende, messerstichartige, elektrisierende oder kribbelnd einschießende Schmerzen beschrieben.  Bei 50 % der Patienten kann ein Phantomschmerz durch emotionalen Streß erzeugt bzw. verstärkt werden. Weitere Auslöser können u.a. Infekte der oberen Luftwege, Wetterveränderungen, Kältereize oder Triggerpunkt-Berührungen sein. Eine Zunahme der Schmerzen erfolgt meist während der Ruhestunden abends oder nachts. Die frühe Versorgung mit einer Prothese kann die Inzidenz der Beschwerden mindern.

Ein komplikationsbehafteter Verlauf mit Revisionsoperationen stellt vermutlich einen präjudizierenden Faktor dar. Therapeutisch wird in den meisten Fällen analgetisch behandelt. Nur bei wenigen Patienten wird damit alleine eine vollständige Schmerzfreiheit erreicht. Daher haben sich alternative Therapiemöglichkeiten etabliert, die oftmals aber nur eingeschränkt praktikabel sind. Die Wirksamkeit und positiven Effekte von Akupunktur oder Akupressur auf Phantomschmerzen werden in Fachbüchern beschrieben und konnten in Studien nachgewiesen werden [1,2].


Verlauf:

Durch eine Cortisoninjektion, die im April 2002 verabreicht wurde, kam es bei der Patientin zu einer Kniegelenksinfektion rechts. Trotz umgehend eingeleiteter Therapie konnte keine Besserung erreicht werden. Es folgten, neben der antibiotischen Behandlung, mehrere Operationen mit Spülungen und Einlagen von Septopal-Ketten. Auch diese Behandlung verlief nahezu erfolglos, sodaß die Patientin schließlich in ein Spezialkrankenhaus verlegt wurde. Obwohl der Infekt saniert werden konnte, war der Knorpel schon so betroffen, daß 2004 eine Knie-TEP implantiert werden mußte. 2006 kam es erneut zum Wiederauftreten der Infektion, weshalb die Knie-TEP entfernt und durch einen Spacer ersetzt wurde. Im Mai 2007 entschied man sich zur Oberschenkelamputation.

Die Interimsversorgung erfolgte drei Wochen postoperativ. Ende 2007 konnte prothetisch definitiv versorgt werden. Doch schon im Sommer 2008 wurde eine erneute Revision erforderlich, um Osteophyten abzutragen. Im Verlauf folgte dann auch noch die Entfernung eines Neuroms.

Bereits ein Jahr nach der Amputation traten heftige Phantomschmerzen auf. Ausgelöst durch die lange Anamnese erfolgte eine Dauerschmerztherapie mit einem Morphium-retard-Präparat, das man wegen der Hartnäckigkeit der Schmerzen zunächst auf 100 mg/Tag steigerte. Die Dosis konnte im weiteren Verlauf der Behandlung auf 32 mg/Tag reduziert werden.

Parallel zur medikamentösen Schmerztherapie erfolgte im August 2014 die Versorgung mit einem PBSS-Schaft, der mit den PBSS-Akupressoren [3] bestückt wurde. Die Patientin litt zu diesem Zeitpunkt an zwei bis vier schweren Phantomschmerz-Anfällen im Monat. Die Anwendung der Akupressur erfolgte tagsüber alle zwei Stunden, jeweils für ca. 10-15 Minuten. Eine längere Anwendung war – nach fallbezogener Rücksprache mit dem ärztlichen TCM-Behandler – nicht erforderlich.

Im Zuge der Benutzung konnte die Patientin die Morphiumdosis auf 24 mg/Tag reduzieren. Im September 2014 erfolgte eine letzte gemäßigte Schmerzattacke. Dann war sie, bei täglicher Anwendung, bis zum Mai 2015 anfallsfrei. Aufgrund einer Volumenzunahme des Stumpfes mußte der Prothesenschaft erneuert werden. Die Auslieferung erfolgte, noch ohne Akupressoren, im Juli 2015.

Nach der Unterbrechung der Akupressur-Behandlung traten die Phantomschmerzen erneut zwei bis viermal pro Monat auf. Bis zur Integration der Akupressoren in den neuen Prothesenschaft behalf sich die Patientin mit der tageweisen Anwendung des alten Schaftes. Obwohl dieser deutlich zu eng war, wirkten die Akupressoren, laut ihrer Aussage, sehr effektiv und trugen dazu bei, daß die Schmerzen rascher abklingen. Die aktuelle Morphindosis  hat sich bei 24 mg Morphin/Tag (19.08.2015) dauerhaft eingependelt.

Die Neuversorgung mit einem PBSS-Schaft (4 integrierte Akupressoren) wurde am 11.04.2016 abgeschlossen. Die Patientin berichtete, dass sich nach Wiederaufnahme der Anwendung erneut Schmerzfreiheit einstellte. Die Akkupressoren wurde in der Folgezeit 1x Tag/20 Min. angewandt.

Phantomschmerzen - PBSS Schaft

PhantomschmerzenPBSS-MCS Schaft mit Akupressoren

Kritische Beurteilung:

Trotz der eingeschränkten Wertigkeit von Casereports zeigt dieser Fall tendenziell, da die zeitlichen Korrelationen eindeutig sind, daß alternative Therapieoptionen, wie z.B. die Akupressur, durchaus einen Behandlungserfolg erzielen können.

Die Lokalisation der vier Akupressoren wurde gemeinsam mit einem erfahrenen Mediziner und Schmerztherapeuten, der auch in China tätig war, entsprechend der Richtlinien der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) durchgeführt. Durch die einfache Handhabung der Akupressoren kann die Behandlung durch den Anwender direkt, und ohne Vorlaufzeit, erfolgen. Die tägliche Dauer der Akupressur und die Intervalle sind schmerztherapeutisch individuell festzulegen. Der Wirkungsgrad kann relativ kurzfristig festgestellt werden. Ein  Langzeiteffekt zeigt sich in diesem Fall durch die dauerhafte Reduktion von Morphin.

Dieser kurze Casereport verdeutlicht, daß, im Interesse jener extrem geplagten Menschen, in alle Richtungen, auch unter dem Einbezug von alternativen Methoden, weiter geforscht werden muß. Ein Wirkungsnachweis kann dann gegebenenfalls durch eine Reihe von Versorgungen belegt werden. Leider werden sich, aufgrund der geringen Anzahl und der großen Individualität, kaum umfangreichere Studien mit großer Relevanz durchführen lassen. Ein Anfang ist jedoch gemacht. Der durch Phantomschmerzen immens geplagten Patientin konnte nachhaltig geholfen werden.

Aktuell konnten bis zum heutigen Tag noch zwei weitere Schmerzpatienten mit dem PBSS-Akupressorensystem versorgt werden. Ein Anwender berichtete, dass sich die Phamtomschmerzen dann vermindern lassen, wenn sofort nach dem ersten Auftreten die Anwendung der Akupressoren erfolgt. Eine Schmerzfreiheit wurde nicht erzielt.

Bei einem weiteren Anwender zeigte sich, vermutlich aufgrund der massiven Morphiummedikation (900 mg/Tag) keine Veränderung der Schmerzsymptomatik. Positiv ist jedoch zu vermerken, dass die Anwendung der Akupressoren keine Zunahme der Phantomschmerzen, weder in Bezug auf die Häufigkeit, noch auf die Intensität, auslöste.


Autoren:

Dr. med. Nikolaus Kommer
Chirurg
Klammstraße 15a
A-6330 Kufstein

Dr. med. Horst Engber
Facharzt für Orthopädie
Crailsheimstraße 4
83278 Traunstein

Kurt Pohlig
Orthopädiemechaniker-Meister
c/o Pohlig GmbH
Grabenstätter Straße 1
83278 Traunstein

Michael Schäfer
Orthopädiemechaniker-Meister
Geschäftsführer
c/o Pohlig GmbH
Grabenstätter Straße 1
83278 Traunstein


Literaturquellen:

[1]   Wagner,F. , Akupressur – Gräfe und Unser-Verlag, 2012, S. 107
– Heilung auf den Punkt gebracht

[2]   Z Pouresmail, A Saberi – European Journal of Pain, 2007, The effect of acupressure on phantom pain in client with extremities amputation

[3]   Schäfer M, Pohlig K (2014) Das Pohlig-Bionic-Socket-System (PBSS).
Verlag Orthopädie-Technik, Dortmund 65(5):62–68